Freitag, 20. Januar 2012

22.04.2012 Ein schlechter Start - Im Regen nach Valga

Das Licht der Morgendämmerung dringt durch die schweren Gardinen in unser Hotelzimmer. P. wälzt sich im Bett und ich freunde mich gerade im Dämmerzustand des Aufwachens mit dem Gedanken an, heute etwas früher âufzubrechen. Da höre ich plötzlich einen lauten Knall! Sofort danach höre ich P. bitterlich weinen. Hellwach suche ich P. und finde sie auf dem Fußboden neben dem Bett. Sie ist mit dem Kopf zuerst auf den Marmorboden gefallen und ist total verwirrt. Nach einiger Zeit hat sie sich beruhigt und schläft wieder ein. Um acht Uhr schläft P. noch sehr tief. Um neun weckt sie mich mit den Worten auf: "Du schnarchst!". Wir brauchen noch eine ganze Weile, um auf die Beine zu kommen. P. hat Hunger und isst von dem Boccadillo, welches ich Ihr gestern Abend mitgebracht habe und nascht an dem Obst. Dann packen wir unsere Sachen. Währenddessen fragt P. mich, ob wir vielleicht schon direkt nach unserer Ankunft in Santiago nach Porto zurückkehren und nach Hause fliegen können: Sie hat Heimweh!

Die erste Etappe dieses Tages schleppend wir uns unlustig nach O Cruceiro. Der recht intensive Nieselregen muntert uns nicht gerade auf. P. verzichtet demonstrativ auf ihr Poncho und lässt sich langsam einregnen. In O Cruceiro finden wir eine Bar, in der sich P. etwas erholt. Nach einem Mineralwasser mit Kohlensäure, einem Kaffee, einer Schnuckeltüte und etwas Unterhaltung mit einer jüngeren Hamburgerin, die mit ihrem Vater den Weg von Porto nach Santiago läuft, kommen die ersten positiven Schwingungen in P.'s Kopf zustande. Während sich draußen das Wetter langsam bessert, schreibe ich an unserem Platz an meinem Tagebuch weiter, esse mein "Boccadillo Empanada" und genieße die geschäftige Ruhe in dem Salon. Plötzlich hat P. richtig Appetit auf ein "Boccadillo Especial", welches nach P.s Rezept aus Schinken, und Spiegelei bestehen soll. Zweieinhalb Stunden nach unserem Eintreten in die Bar kommen wir erst wieder in die Gänge und laufen in eine schöne, vom Regen noch triefende Landschaft hinaus. Irgendwann passieren wir Santa Mariña de Carracedo, eine kleine Kirche, in der uns ein geistig behinderter Kirchdiener förmlich einen Stempel aufzwingt. Wir schauen uns die Kirche noch an und laufen dann durch eine schön grüne Weinlandschaft auf guten, weichen Sandwegen weiter.

In einer kleinen Ansiedlung mit Süden von Valga kommen wir wieder an die Landstraße heran und sehen dort plötzlich frisch einfolierte Wegweiser zu einer Pilgerherberge. Bald darauf stehen wir vor einem nagelneuen Gebäude, welches erst am 11.04., also vor gerade einmal 11 Tagen seinem Zweck übergeben wurde. Diese Herberge verfügt über 78 Betten. Hervorzuheben sind die Schließfächer für Wertsachen. P. und ich sind heute die ersten Gäste und werden von den stolzen Gemeindemitarbeitern im Gebäude herumgeführt. Zuvor sichern wir uns aber erst einmal ein schön am Fenster gelegenes Bett.

Später kommen weitere Pilger. Und zum ersten Mal erlebe ich, dass gleich mehrere Pilger von einem Rettungsteam vom Weg geborgen und in die Herberge gebracht werden müssen. Offenbar Opfer der etwas knappen Herbergskapazitäten, denen wir durch unseren Hotelaufenthalt in Caldas de Reis aus dem Weg gehen konnten.

Wir jedoch backen erst einmal unser "Bocadillo Especial" auf, verfeinern es noch mit mit Paprika und Käse. Abends telefoniert P. dann mit ihrer Mutter und holt sich danach wieder ihre Auszeit. Währenddessen gehe ich in die schräg gegenüberliegende Bar, trinke dort Rotwein und schreibe an meinem Tagebuch weiter.

Donnerstag, 19. Januar 2012

21.04.2011 Ruhetag in Caldas de Reis

Nein, heute ist nicht Freitag! Wie kamen wir überhaupt in den letzten Tagen dazu, uns um diesen einen Tag zu täuschen? Nun ja, reden wir also von dem heutigen Donnerstag, dessen größten Irrtum wir hiermit aufgeklärt haben!

20.04.2011 (K)Ein Ruhetag - In Etappen nach Caldas de Reis

Wir starten in aller Ruhe und recht spät. Der Weg zu dem Jakobsweg führt uns noch einmal durch das Stadtzentrum von Pontevedra. In der Markthalle am Flussufer genießen wir die vielen Farben und Gerüche. Es ist schön, diesem Gewusel zuzusehen. Neben den Meerestieren jeglicher Art und verschiedensten Früchten werden an diesem Mittwoch viele Blumengestecke verkauft. P. und ich fotografieren, was die Chipkarte hergibt. Dann aber heißt es, von Pontevedra Abschied zu nehmen. Zu unserem heutigen Etappenziel Portela sind es zwar nur 10 Kilometer, aber wir wollen unser Glück mal vorsichtshalber nicht überstrapazieren. Unterwegs bekommen wir ein hübsches Kontrastprogramm geboten.

Mittwoch, 18. Januar 2012

19.04.2011 Mit Valeria und Dac in's süße Pontevedra...

Sechs Uhr. P. schläft noch. So tief und entspannt, wie sie jetzt schläft, lasse ich sie lieber noch schlafen. Nach unserem schweren Vortag scheint sie den Schlaf dringend zu benötigen. Dann aber machen unsere neuen deutschen Freunde auf sich aufmerksam. Ihre schweren Stiefel lärmen im Treppenhaus und lassen P. langsam aufwachen. Bald darauf erwacht in uns auch wieder das Bewusstsein, dass wir an diesem Tag noch ein ordentliches Programm vor uns haben. Die nächste Herberge in Pontevedra ist nicht die größte und die Strecke ist ein wenig welliger als in den Vortagen. Wir wissen auch noch nicht, wie sich P.'s Knie an diesem Tag nach dem Zusammenbruch verhalten wird. Der Blick nach Draußen lässt uns schaudern: Die Landschaft glänzt! Die Straße, der Gehweg und die Fußwegplatten for dem Eingang verheimlichen nicht, dass wir heute bei kühlerem Wetter den ersten echten Regentag erleben werden. OK, zuerst aber kommt das Frühstück.

Dienstag, 3. Mai 2011

18.04.2011 Till Eulenspiegel oder zu hastig und deshalb zu spät im Refugio

P. hat's eilig. Sie hatte mitbekommen, dass die Herberge im nächsten Ort, Redondella, über sehr begrenzte Kapazitäten verfügt. Deshalb will sie besonders schnell dahinlaufen. Von unserem Portugiesischen Pärchen hat sie bislang noch nicht viel gelernt...

17.04.2011 Wir gewöhnen uns an uns und den Camino

Eine Kolumbianerin und zwei Männer, die mit ihr wandern, hatten bereits seit vier Uhr rumort. Um sechs Uhr hatte das betont "leise" Flüstern dann eine Lautstärke erreicht, die jeglichen Gedanken an weiteren Schlaf ad Absurdum führte. Mit der Eleganz und Energie einer kältestarren Eidechse krochen wir langsam aus unseren Betten, machten unser Frühstück und waren rechtzeitig zum Sonnenaufgang am Ortsausgang. Vor uns breitete sich eine wunderschöne, im Dunst warm beleuchtete Parklandschaft aus, durch die wir noch ein wenig fotografierend stromerten, bevor uns der Weg endgültig durch die Vororte von Tui in den ersten Wandertag unseres Jakobsweges führte.

Donnerstag, 21. April 2011

16.04.2011 Schnelles Altern zwischen Portugal und Spanien

P. und ich schlafen recht gut. Ab vier Uhr wird es jedoch im Raum hektisch: Die Italienerinnen machen sich nicht ganz geräuschlos auf den Weg einer Nachtwanderung. Wie konnte ich diese Nachtpilgerei doch nur verdrängen? Fünf Uhr lässt schon das Gefühl aufkommen, wir würden die Mittagszeit verschlafen und so sind wir von einer weiteren Pilgerin abgesehen, die einzigen Gäste, die bis um sieben Uhr durchgehalten haben. Während die Pilgerin sich noch murrend in ihrem Bett herumwälzt, haben P. und ich unsere Rucksäcke bereits auf dem Flur deponiert, das Kaffeewasser angeworfen und uns von Dac zeigen lassen, dass man mit gekochtem Speck auf Käse und Baguette ein lecker riechendes Frühstück kreieren kann.

15.04.2011 In Portugal

Mit inzwischen 50 Jahren geht eben einiges nicht mehr ganz so schnell. Für diesen ersten Tag meines neuen, recht biblisch anmutenden Alters möchte ich diese Ausrede mal einfach so gelten lassen. Letztendlich ist dieser Vormittag etwas hektischer, als ursprünglich geplant. Ich habe nach einem sehr späten Feierabend am Vortag einfach zu viel in diesen Freitag geschoben. Gegen kurz vor dreizehn Uhr lassen P. und ich uns von P.s Mutter zum Flughafen fahren. Zehn Minuten nach der dortigen Ankunft sind wir bereits durch das Check-In und die Sicherheitskontrolle, haben sogar schon den weiten Weg zum Gate 36 hinter uns. Gefühlt ist danach die erste Hälfte des Jakobsweges abgelaufen. Flughafen-Insider werden mich an dieser Stelle verstehen, den anderen wünsche ich diese Erfahrung nicht...

Donnerstag, 17. März 2011

Es geht wieder los - Aber anders als geplant

Eigentlich wollten wir in 2011 die restlichen 270 Kilometer von Hospital de Orbiego nach Santiago de Compostela laufen. Eigentlich bedeutet aber auch, dass die Planung verändert wurde. Wegen der komplizierten Verbindungen hatte ich mich während der Organisation unserer Reise dazu entschlossen, den von mir ursprünglich für 2012 geplanten Camino Portugues bereits in diesem Jahr anzugehen. Dafür sprach nicht nur die deutlich einfachere Anreise. Vielmehr schien es mir aus klimatischen aber auch geografischen Gründen sinnvoller, P. nicht gerade zum Anfang des Pilgerlebens mit den ganz großen und harten Bergen zu konfrontieren. Die Landschaft auf dem "Portoguez" soll ebenfalls sehr schön und reizvoll sein, so dass ich mich auf diesen Weg schon sehr freue. P. übrigens auch!

Nachdem ich schon vor einiger Zeit die Flugtickets und das Streckenbuch organisiert hatte, habe ich heute für uns zwei den Pilgerpass beantragt. Wir sollen ihn spätestens zum 01.04. erhalten.

Mittwoch, 16. März 2011

Planungen für 2011 mit P.

Als ich nach Deutschland zurückgekehrt war, hatte ich einem, mir sehr wichtigen Menschen von diesem Weg erzählt. Wir einigten uns, den Rest zusammen zu laufen. Terminlich standen für mich die Osterferien 2011 fest, um einerseits den Frühling genießen, andererseits aber die sommerlichen Temperaturen meiden zu können. Absprachegemäß werde ich diesen Menschen in dem kommenden Blog nicht namentlich erwähnen, so wie Geschlecht oder Alter erahnen lassen. Dieser Mensch bekommt von mir den fiktiven Namen "P.". Da ich prinzipiell am besten über mich und meine Erlebnisse und Wahrnehmungen schreiben kann, wird P. eher selten in den Vordergrund treten. Außer, es ist für den Ablauf unserer gemeinsamen Pilgerreise von erheblicher Wichtigkeit.

Der Rest meines Blogs von 2010

Kaum hatte ich mich von der Gruppe losgelöst, schon konnte ich erleben, wie sich eine intensivere Kommunikation mit meinen Mitpilgern einstellte. So kam es, dass ich als Einzelperson plötzlich weniger Zeit für Internet-Blogs und sonstige Aktivitäten investieren wollte, als noch zuvor in der sicherlich auch sehr netten Gruppe. Unterwegs entschloss ich mich dann auch irgendwann, meine Blogs von dem Jakobsweg einzustellen und an dessen Stelle das Leben auf und mit diesem Camino so zu genießen und zu verinnerlichen, wie es kam und wie es sich in mein Herz und meine Erinnerung einbrannte.
Letztlich bin ich nach ein paar wunderschönen, gemeinsamen Tagen mit Christian Castro noch die letzten Kilometer "meines" Jakobsweges bis nach Hospital de Orbiego gelaufen. Von hier aus musste ich leider meine Heimreise antreten, um pünktlich Joachim in Santiago zu treffen und mit ihm nach Madrid zu fahren. Joachim hatte den Weg alleine in drei Wochen abgefahren, diesen noch bis zum Finisterre und zurück verlängert, um anschließend auf einem Campingplatz kurz vor der Stadt auf mich zu warten.

Für mich wurde zum Schluss der Weg zunehmend wichtiger als das Ziel Santiago de Compostela. Viel zu schön war es für mich, die vielen Menschen zu kennen, mit ihnen schöne Dinge zu erleben und letztlich mich neu kennen und schätzen zu lernen.

Dennoch schwor ich mir in Hospital de Orbiego, im Folgejahr dorthin zurückzukehren und die noch fehlenden 270 Kilometer nach Santiago de Compostela zu laufen.

Letztlich zehrte ich von den Lehren, den Erfahrungen, den Veränderungen in meiner Persönlichkeit und an meinen Einstellungen so sehr, dass sich mein ganzes Leben nachhaltig veränderte.


Freitag, 4. Juni 2010

Fußweg Jakobsweg - Tag 7 in Najera

Deutsche Esotheriker sind auch nur Deutsche. Pünktlichkeit, Disziplin, Genauigkeit und strikte Einhaltung aller Regeln sind nun einmal Deutsche Werte. Die gelten natürlich auch im Ausland. Selbst im sonst eher etwas weniger genauen Spanien.

Wofür diese Einleitung? Der Morgen in Ventosa unter deutscher Lagerleitung begann wie in jeder Herberge: ab fünf Uhr machten sich die ersten Pilger fertig. Als die Unterhaltungen im Bad gegen zehn Minuten vor sechs Uhr zu laut werden, wird seitens der Herbergsleitung streng und unfreundlich für Ruhe gesorgt. Na endlich haben die Nachtpilger mal eins auf die Mütze bekommen! Um Sechs passiert dann das Unerwartete: mit unbeschreiblicher Lautstärke schallt Mönchsgesang durch das Haus.Weihrauchduft breitet sich in den Räumen aus. Mit jeder Minute sehe ich mich immer deutlicher in den Schlagzeilen Spanischer Medien. Nach exakt 30 Minuten hört der Spuk auf. Deutlich leiser versucht Mozart mit seiner Musik, die Gemueter wieder zu besänftigen. Ich bin mir derweil ziemlich sicher, eine Super-Compostella zu benötigen, falls ich jemals dieser Frau begegnen sollte. Deshalb packe ich meine Sachen sehr schnell zusammen, nehme meine Stiefel mit auf die Straße und ziehe sie mir erst dort an.
 

Nach vier Kilometern ist meine Wut verflogen. An einem schönen sonnigen Plätzchen in einer Heide-ähnlichen Landschaft mache ich mir jetzt erst einmal mein Früstück: Milchreis mit Kaffee. Danach lege ich mich in die Sonne, genieße die Ruhe und die Stimmen der vorbeiziehenden Pilger. Während ich so auf die Gruppe warte, scheint mich der abgebrochene Nachtschlaf einzuholen. Erst die markante Stimme von Anna aus Neuseeland weckt mich wieder auf.

Bald darauf habe ich die Gruppe im Eingang eines kleinen Ortes eingeholt. Im schattigen Garten einer noch geschlossenen Bar machen wir Pause und teilen unsere essbaren Habseligkeiten. Gerade, als wir fertig sind, macht die Bar auf und wir gönnen uns noch einen Kaffee.
 

Kurz hinter dieser Bar geht der Weg durch eine Furt oder etwas versteckt über eine Brücke. Ich filme die Gruppe von der anderen Seite, wie sie auf die Furt zukommt, verzweifelt nach Alternativen sucht und schließliich die einzelnen Mitglieder vor Entscheidung stellt, welchen Weg sie nehmen wollen. Nur Mareike wagt den Weg durch die vier Zentimeter tiefe, wenig reißende Strömung. Hinterher fand ich es sehr interessant, zu erkennen, dass der Weg durch die Furt für mich so selbstverständlich und akzeptabel war, dass ich nach gar keinen Alternativen gesucht habe. Ich gehe davon aus, den Kommentar von G. zu dieser Aktion schon zu kennen...

Die letzten Kilometer bis Najera verfliegen schnell. Dort nehmen wir uns eine Herberge mit nur 10 Betten, die wir nur mit zwei weiteren Pilgern teilen: einem unnahbaren, grummeligen Typen (wahrscheinlich Deutsch) und Christian Castro. 
 

Christian kommt fließend spanisch plappernd als die personalisierte Aufgeschlossenheit in den Raum.





Bald darauf schwärmen wir wieder aus: Vorgeschickten Rucksack von Patricia holen, auf die Wiese am Flussufer zum (Sonnen-)Baden, Erzählen und Tagebuchschreiben und auch, um schon mal den Ort für die Abendgestaltung zu erkunden. Die lustige Runde wird erst durch Jannekes Anruf zur Räson gebracht: Der Herbergswirt hat um 22:00 einen Kontrollgang gemacht und dabei ärgerlich festgestellt, dass ein wesentlicher Teil der Betten noch leer war.

Ein wirklich schöner Tag, den die Hergswirte nur unwesentlich beeinflussen konnten.

Fußweg Jakobsweg - Tag 6 in Ventosa

Früh um fünf Uhr herrschte wieder wilde Aufbruchstimmung in der Herberge. Um halb Sieben hat sich dann auch unsere Gruppe zum Frühstück versammelt. Allerdings habe ich mich schon am Abend zuvor von dieser frühen Aktion abgemeldet. Um acht Uhr zwanzig verlasse ich tatsächlich als Letzter die Herberge. Hinter mir schließt eine charmante Polizistin die städtische Unterkunft zu.


Die ersten zehn Kilometer führen durch eine wunderschöne, dunstige Morgenlandschaft nach Logrono. Ich mache einige Fotos, komme dadurch jedoch nicht so recht voran. 



Zwei Stunden später erreiche ich das unter Pilgern recht berühmte Haus der Dona Felisa.

Bis zu Ihrem Tod vor wenigen Jahren stand sie täglich an der Strecke und versorgte die Pilger gegen eine kleine Spende mit Getränken und dem sehr beliebten Stempel für den Pilgerpass (Credential). Inzwischen hat ihre Tochter Maria diese Aufgabe übernommen.







 








Als ich in das sehr einfache Haus der Maria komme, herrscht dort eine angenehme kühle Dunkelheit. Den angebotenen Kaffee nehme ich gerne an, währenddessen stempelt Maria mein Credential ab und setzt noch einen Stempel in das Tagebuch von A. 
 
Von Logrono bin ich nicht so richtig begeistert. Hier wird wie wild abgerissen und saniert, um die charmante Morbidität einer alten Spanischen Stadt in Lebensqualität für ihre Bewohner umzuwandeln.










Immerhin gibt es in Logrono fast am Wegesrand des Jakobsweges (Camino) ein Decathlon. Hier bekomme ich endlich das Gas für die Campingküche. Auch kann ich den Vorrat an Wandersocken um zwei Paar aufstocken, sowie das am Vortag an Unbekannt 'ausgeliehene' T-Shirt ersetzen.

 


Auf dem Weg aus der Stadt hinaus fällt mir immer wieder auf, dass Kinder in Spanien eine unheimlich hohe Priorität in der Freizeit-, Stadt- und Landschaftsplanung erfahren. Zwar ähneln einige Vororte durchaus französichen Banlieus, sind aber freundlicher, mit riesigen Spielanlagen ausgestattet, die auch sehr intensiv von Kindern und Eltern genutzt werden. Videospiele und Nintendos gibt es hier bestimmt auch. Aber die Herrschaft über das Sozialleben haben sie scheinbar noch nicht erlangt.

Auf dem weiteren Weg fordern zwei dicke Blasen an meinen Hacken ihren ersten Tribut: Ich bin scheinbar unbemerkt vor einigen Kilometer in eine ungesunde Schonhaltung zugunsten geringerer Auftrittschmerzen übergegangen. Während ich die jetzt plötzlich auftretenden Knieschmerzen durch eine Korrektur meiner Laufhaltung wieder in den Griff bekomme, macht mir eine leichte Ubersäuerung meiner Oberschenkelmuskeln mehr zu schaffen. Nach 25 km bin ich in Navarete kurz davor, die Verabredung mit der Gruppe in dem nächsten Ort - Vendosa - abzusagen. Letztlich motiviere ich mich aber doch noch dazu, diese letzten 7,4 km zu laufen. Auf diesem letzten Segment hat mich ein weiteres Mal die Aufmerksamkeit der Spanier überrascht: Der Weg führte gerade mal wieder parallel zu einer etwas lauten und staubigen Landstraße. Als ich dort mangels Sitzgelgenheit über meinen Stock gebeugt eine kurze Pause machte, fuhr ein LKW hupend an mir vorbei und der Fahrer winkte mir aufmunternd zu! Bald fand ich im Sand des Weges die ersten noch sehr frischen Spuren der letzten Gruppenmitglieder. Entsprechend wuchs in mir die Lust, die Truppe noch einzuholen Letztendlich gelang mir das erst um kurz vor neun Uhr in der Herberge, wo die Letzten gerade erst angelangt waren.

Wir unterhielten uns noch ein wenig im Garten der Herberge, vergaßen dabei etwas die Zeit.

Dienstag, 1. Juni 2010

Fußweg Jakobsweg - Tag 5 in Viana



Frühstücksbuffet. In einer Herberge! Kaffee frisch, Brot gerade aus dem Ofen! Diese Seite des Pilgerns kann sich auch sehen lassen.
Dann kommt aber schon der härtere Teil des Tages: Rechts am Hacken entwickelt sich die erste Blase. Trotz Abklebens, Hirschtalg und Vermeidung von Hitzestau im Schuh. Na ja, was soll's, selber ausgesucht, das Schicksal...

Nur, dass sich die rechte Hand plötzlich pelzig anfühlt, lässt in mir etwas Respekt aufkommen. Die erste Etappe geht nach einer kurzen aber lohnenswerten Fototour durch Los Arcos erst einmal bergauf nach 'Torres del Rio'. Dort versammelt sich unsere Gruppe - asynchron! Soll heißen, dass von mir abgesehen erst einmal keiner so richtig lange dableibt. Erst später verstehe ich, dass die ersten 'Alleingänge' verabredet wurden. Während so Alle an mir vorbeiziehen, hadere ich bei einem Glas eiskalten Rotweins damit, die Etappe an diesem Ort zu beenden. Erst Jannike hat die richtige Frage bereit: 'You must listen to your body!'. Also frage ich den 'Body', was er mir sagen will, bekomme aber keine zufriedenstellende Antwort. Klarer Fall: Der will sich drücken! Dagegen hilft leider nur Druck. Und so gehe ich einfach weiter. Und siehe da, zwei Kilometer später ist die rechte Hand wieder voll da.


Es dauert nicht lange, bis ich alle Gruppenmitglieder auf ihrer Selbsterfahrungsrunde über- bzw. eingeholt habe. Lukas treffe ich kurz vor Viana. Wir laufen die letzten Kilometer zusammen.








 
Die Herberge macht einen sehr guten Eindruck. Vom Fenster aus können wir über den Kirchhof der Kathedrale hinaus weit in die Landschaft bis in's zehn Kilometerr entfernte Logrono sehen.





 

Nach einer kurzen Pause geht es in eine nahegelegene Kneipe, wo wir unter Anderem spanischen Cidre genießen,











uns gut unterhalten und endlich mal ein wenig kennenlernen. Nur für Lucca ist dieser Abend auch der letzte auf dem Jakobsweg. Er wurde kurzfristig nach Hause abberufen.


Freitag, 21. Mai 2010

Fussweg Jakobsweg - Tag 4 in Los Arcos










 
Beim Kochen am Vorabend waren noch Enrique aus Sevilla, Spanien und Jean-Lucca aus Ferrara zur Gruppe gestossen.

Während des Frühstücks reservieren wir mit der Hilfe von  Enrique die inzwischen erforderlichen 15 Betten für unsere Gruppe in der Casa Austria in Los Arcos.











Der Weg aus Estella führt über eine alte Brücke und einem "kleinen", alten Kloster vorbei.







Am Kloster Irache mache ich eine kurze Pause am Weinbrunnen:
 

Dieser verspricht allerdings etwas mehr als er hält: Pro Person fliesst maximal die Menge zweier Schnapsgläser in das extra mitgebrachte Behältnis. Deshalb verdünne ich kurzerhand das an dem Nachbarzapfhahn verfügbare Wasser mit dem Rotwein - oder war es eben doch leider nur umgekehrt?




Die Mittagshitze erreicht an diesem Tag Temperaturen, die erheblich von meinen Einstiegserfahrungen nach oben abweichen. Also weiche ich auf dem Weg bald auf einen nahegelegenen Campingplatz aus und bediene mich des dortig verfügbaren Internets, um das Blog fortzuführen.

Draussen lockt die Landschaft jedoch so sehr, dass ich mich damit nicht allzu lange aufhalte.

 Entsprechend trocken, heiss und beschwerlich wird der Aufstieg nach Azqueta, einem kleinen, verschlafenen Dorf auf einem der vielen zu durchquerenden Gebirgssattel. Dort entschliesse ich mich, in einer kleinen Bar etwas zu essen. Während ich auf mein frisch belegtes Baguette warte, kommt ein erschöpfter Pilger herein, dessen Qualvollen Anstieg ich bereits von der Brüstung des Kirchhofes beobachten konnte. Das weisse PC-St.-Pauli T-Shirt erlaubt eine schnelle Zuordnung von Nationalität und Heimatort. Er stellt sich als Michael vor. Er hat gerade 30 km hinter sich und möchte nach den folgenden 3 km in dem nächsten Ort, Villamayor de Montjardin seine heutige Etappe beenden. 

Die Unterhaltung hält noch eine Weile an, bis ich mein Essen bekomme. Kurz nachdem ich Azqueta verlassen habe, sehe ich plötzlich Werner aus Bremen vor mir. Ich kann es kaum fassen, dass wir uns auf dieser kurzen Strecke treffen. Denn auch er hat nur noch knappe zwei Kilometer bis zu seinem nächsten Etappenziel vor sich. Wir haben einiges über unsere Erlebnisse der letzten zwei Tage zu erzählen, so dass die Zeit fast zu kurz ist.



Dennoch muss ich weiter, da auf mich eines der sehr beliebten Betten der Casa Austria wartet. Nach dem "Einchecken" geniesse ich eine schön heisse Dusche und vor Allem eine Massage, die meinem Rücken die lang ersehnte Entspannung bietet. 

Henrique bereitet uns eine schöne Paella zu, bevor wir bei Unterhaltung und Spielen unser Zeitlimit ein wenig überziehen.